Magie & Fortschritt

Alchemist Sendivogius (by Jan Matejko)Der kongeniale Blog Weltenbau Wissen hat eben einen seiner älteren Artikel (von Anfang des Jahres) erneut auf Twitter gepostet: Sechs Konsequenzen funktionierender Magie. Ein sehr lesenswerter und kluger Beitrag – so lesenswert, dass ich ihn auch gleich nochmal gelesen habe. Dabei kam mir jedoch ein Gedankengang in Form eines Widerspruchs zur dort aufgestellten These, den ich nun kurz darlegen möchte, obwohl er sicher nicht bis ins kleinste Detail ausgearbeitet ist. Für Kritik (oder Zustimmung) eurerseits steht wie immer die Kommentarspalte zur Verfügung. Meine Gegenfrage zum ursprünglichen Beitrag lautet also:

Muss die Existenz von Magie in einer Fantasywelt zwingend dazu führen, dass technologische Entwicklung im Vergleich zum irdischen Vorbild rasend schnell vonstatten geht?

Nicht unbedingt, wenn sich die geistige Entwicklung der Kulturen jener magischen Welt hinsichtlich des Möglichen nicht nach der Magie richtet, also nicht mit ihr und den Möglichkeiten, die sie theoretisch eröffnen könnte, mithalten kann.

Ja, womöglich läuft es mit der Erkenntnis sogar umgekehrt: Mit Magie sind nur Sachen machbar, die eben auch anderswie bereits denkbar sind. Es ist ja schön, wenn sich mittels Zauberei Flammen von solcher Hitze erschaffen lassen, wie sie sonst nur Hochöfen erreichen – aber bevor man keine profane Idee hat, was man mit einem Hochofen anfangen wollen könnte, nutzt das auch nicht sonderlich viel.

Magie ist also kein Innovationsbooster. Was sie jedoch tut, ist Hürden zu senken. Ist man erst einmal auf eine Idee gekommen, kann man sie mittels Magie leicht testen – wenn ein Zauberkundiger mit entsprechenden Kenntnissen verfügbar und bezahlbar ist – und auf den Stand eines Prototypen bringen. Doch damit ist diese Neuerung noch lange nicht im ‚Mainstream‘ angekommen. Kurzfristig mögen die Wege der Zauberei für die Umsetzung der fixen Idee sehr effektiv gewesen sein: Wettermagie für höhere landwirtschaftliche Erträge, Schmelz- und Schmiedeöfen betreibende Feuerelementare, Teleportation von Briefen zur quasi Echtzeit-Kommunikation, usw. – doch ist dies kaum effizient genug für die alltägliche Nutzung und wird sich somit in den seltensten Fällen allgemein durchsetzen.

Somit kann Magie kurzfristig durchaus überaus hilfreich sein – etwa zur Abwendung einer drohenden Hungersnot, zum Herstellen einer phänomenalen Waffe für einen strahlenden Heroen oder zum Austausch von hochbrisanten Informationen zwischen bedeutenden Persönlichkeiten – für mittel- oder gar langfristigen Nutzen auf breiter Basis braucht es vermutlich aber dennoch einen größtenteils profanen Lösungsweg.

Ob Magie tatsächlich einen so großen Einfluss auf den Fortschritt einer Fantasywelt hat, hängt somit an der Frage, wie man das „Technologieniveau“ (um mal bei Rollenspielbegrifflichkeiten zu bleiben) einer Gesellschaft bestimmt. Macht man jenes an den Möglichkeiten einer – wenn ja: wie kleinen? – Elite fest oder liegt es doch vielmehr am Zugriff (eines Großteils) der Gesamtbevölkerung bzw. der „breiten Mitte“? Hierzu haben Wirtschaftshistoriker sicher eine zahlreiche Meinungen.

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One response to “Magie & Fortschritt

  • Belcar

    Habe auch im hier verlinkten Ursprungsbeitrag – danke für den Hinweis! 🙂 – gerade kommentiert. Ich stimme Dir voll zu, dass es eine Frage des Mindsets ist, das ich als Weltenbauer den Bewohnern meiner Welt mitgebe, ob Magie Technologieboost, nur ein Werkzeug mehr oder sogar Technologiebremse ist, die den Blick auf die Kräfte verstellt, die die Welt im Innersten zusammenhalten (wenn die nicht von vornherein selbst als magisch definiert werden).

    Dennoch finde ich den Ansatz, überhaupt die Konsequenzen der eingeführten Magie in eine Fantasywelt bewusst zu durchdenken, natürlich total sinnvoll. Harry Potter ist ja im Ursprungsbeitrag als negatives Beispiel genannt worden. Hier sind ganz eindeutig konsequenzlose Magieelemente um ihrer selbst willen eingeführt worden und machen dann Probleme. Zeitreisen sind machbar und ein witziges Gimmick, damit die Musterschülerin gleichzeitig in zwei Kurse gehen kann. Und es ist auch toll, wenn unsere Helden damit ein Fabelwesen retten können. Aber Voldemorts Machtergreifung verhindern? Nein, das wäre unverantwortlich. Und auch der selbst hat die Möglichkeiten der Zeitreise bislang noch nicht genutzt, um sich Dumbledore vom Hals zu schaffen oder dem auf den Grund zu gehen, was beim Mord an Harrys Eltern schiefgelaufen ist und ihn auf dem Höhepunkt seiner Macht den Körper und ebendiese Macht gekostet hat. Weil… Weil eben.

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